War Jesus tolerant?
2013 ist das Themenjahr „Reformation und Toleranz“. - Dazu drei Fragen an Matthias Kreplin
Matthias Kreplin zum Thema "Toleranz"
Am 31. Oktober 1517 veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen wider den Ablasshandel – das war der Beginn der Reformation. Die evangelische Kirche bereitet sich auf den 500. Jahrestag vor und stellt bis 2017 jedes Jahr in der „Reformationsdekade“ unter ein bestimmtes Motto: 2013 ist das Themenjahr „Reformation und Toleranz“. Dazu drei Fragen an Oberkirchenrat Matthias Kreplin.
Was hat Toleranz mit der Reformation zu tun, die doch im 16. und 17. Jahrhundert blutige Glaubenskriege nach sich zog?
Zur Zeit Luthers war Toleranz in unserem modernen Sinne noch nicht denkbar. Verschiedene, miteinander konkurrierende Wahrheiten, die sich trotzdem gegenseitig tolerieren, waren im 16. Jahrhundert – und noch lange Zeit danach - nicht hinnehmbar. Nachdem der Versuch gescheitert war, die ganze westliche Kirche zu reformieren, und es zu so einer Spaltung gekommen war, musste es deshalb zu massiven Konflikten kommen. Erst in diesen Konflikten haben die Gesellschaften und Konfessionen Europas mühsam Toleranz gelernt.
Wenn wir auf dem Weg zum großen Jubiläum 2017 der Reformation gedenken, dann müssen wir auch diesen Schatten der Intoleranz der Reformation in den Blick nehmen, zugleich aber auch herausstellen, dass die christlichen Konfessionen in Europa hier dazu gelernt haben.
War Jesus tolerant?
Jesus konnte frei und offen mit Menschen umgehen, die aus einer anderen Religion und einer anderen Kultur stammten als er selbst. Er übte keinen Druck auf Menschen aus, seinem Weg zu folgen. Aber er vertrat auch eine klare Position und setze sich intensiv mit anderen Positionen auseinander. Dabei konnte er Fehlverhalten auch heftig kritisieren. In diesem Sinne war Jesus tolerant.
Was bedeutet Toleranz für Christen heute – und wo ist ihre Grenze?
Toleranz bedeutet ein Doppeltes: einerseits eine klare Positionierung und andererseits eine Duldung anderer abweichender Positionen. Tolerante Christen sind einerseits klar in ihrem christlichen Glauben verwurzelt, können andererseits aber auch Andersgläubige akzeptieren und mit ihnen in einen fruchtbaren Dialog treten. Es gibt zwei Grenzen der Toleranz: Die erste ist gegeben, wo Menschen andere Positionen nicht akzeptieren können und dann gewaltsam gegen sie vorgehen. Der Streit um die Wahrheit wird dann in einer nicht mehr tolerierbaren Härte geführt. Die zweite Grenze besteht darin, die Berechtigung von Wahrheits-ansprüchen grundsätzlich zu bestreiten. Dann wird alles irgendwie gleich gültig und es gibt keine Auseinandersetzung mehr um die Wahrheit. In unserer gegenwärtigen deutschen Situation sehe ich fast eher die zweite Gefahr gegeben als die erste.
Dr. Matthias Kreplin leitet das Referat „Verkündigung in Gemeinde und Gesellschaft“.

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